Projekt "Kübel"
Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V.

Presse 2002

Leipziger Volkszeitung, 06.06.2002

Grünaus neutrale Zone

Lions-Coach Scott Caton sucht Kontakt zu den Jugend-Cliquen

Mittwochabend am Grünauer Ratzelstadion. Die Spieler der Leipzig Lions fegen über den Rasen, üben taktische Spielzüge. Am Rand trainieren auch die Mädchen des Cheerleader-Teams. Vor dem neuen Vereinshaus, an dem noch bis zum Sommer gebaut wird, brutzeln Würstchen auf dem Grill. Rund zwanzig Jugendliche sitzen in Gruppen, schwatzen oder beobachten das Treiben auf dem Rasen. Sie gehören nicht zum Football-Team, doch sie treffen sich jeden Mittwoch hier. Eine willkommene Abwechslung zum "Abhängen" auf der Straße. Genau das hat Scott Caton auch bezweckt. Der 46-jährige Amerikaner ist nicht nur Cheftrainer der Lions - sein eigentlicher Job ist der eines Streetworkers bei der Mobilen Jugendarbeit (MJA). Mit seinen Kollegen streift er seit über zwei Jahren durch die Straßen Grünaus, um mit den Jugend-Cliquen ins Gespräch zu kommen. Er weiß, dass in dem Wohngebiet nur wenig Freizeitangebote den Alltag auflockern. "Viele verlassen außerdem selten ihr Revier, trauen sich manchmal kaum auf die andere Straßenseite", stellt Scott fest. Diesen Kreis versuchen die Sozialarbeiter aufzubrechen. Unter anderem mit dem Angebot, bei den Leipzig Lions mitzumachen. "Football ist ja ein Mannschaftssport. Da gibt es kein Du oder Ich, nur ein Wir. Genau da setzen wir an", beschreibt der ausgebildete Psychologe das Ziel. Mit dem Projekt wollen Verein und MJA unter anderem rechtsradikal gefährdeten Jugendlichen eine Alternative bieten. "Auch als Spieler", bestätigt Scott. Rund ein Drittel der Jugendspieler kamen über das Projekt zu den Lions. Ein positiver Nebeneffekt für das Team, das ständig mit Nachwuchsproblemen kämpft. Damit sind die Footballer aber keineswegs auf dem Weg zu einem "rechten" Verein. Die Spieler kommen aus allen Teilen Leipzigs, auch aus dem linken Connewitz. "Ein Radikaler würde große Schwierigkeiten haben, rechtes Gedankengut in so eine Mannschaft zu tragen", weiß Scott. Der Regionalligist tritt entschlossen gegen Fremdenfeindlichkeit auf, wie kürzlich ein Lions-Plakat zeigte, auf dem der afrikanische Verteidiger Johnny Kimo gemeinsam mit seinem Kollegen Christopher Kuhfeldt zu sehen war.
Viele Jugendliche beteiligen sich allerdings auf eine andere Weise an der Vereinsarbeit. Sie verteilen Flyer, die die Spiele ankündigen, verkaufen Bratwürste zu den Wettkampftagen oder helfen beim Ticketverkauf. Und organisieren eben jeden Mittwoch den Treff im Ratzelstadion. Mitglieder der verschiedensten Cliquen verbringen hier den Abend miteinander und den Spielern der Lions. Es ist keine verschworene Gemeinschaft, zu unterschiedlich sind dafür die Ansichten. Doch es ist eine Art "neutrale" Zone, in der die Regeln der Streetworker gelten. Der 20-jährige Sebastian findet den Treff "okay". Der angehende Zivi sitzt mit seinen Freunden, dem 18-jährigen Schüler Patrick und dem 21-jährigen Studenten Martin, etwas abseits auf einem alten Sofa. "Wir sind Ghetto-Kinder und überzeugte Grünauer", frotzeln sie. Ob sie einer bestimmten Gruppierung angehören? "Ich würde mich als nationalistisch bezeichnen", formuliert Sebastian ausweichend. Und doch kommen die Drei seit einiger Zeit hierher, obwohl sie wissen, was bei den Lions und der MJA läuft. "Es ist mal was anderes", sagen sie. So anders, dass Sebastian demnächst als Spieler aufgenommen wird. Und Martin, der nebenbei auch Tänzer ist, hilft den Cheerleadern bei ihren teils schwierigen Choreografien.
Doch eines weiß Sebastian angesichts der Cliquenwirtschaft in Grünau: "Grillabende alleine reichen nicht." Er schaut zu den anderen hinüber, "Das da ist eine eingefleischte Truppe, da kommen wir kaum ran." Ein Problem, das Scott Caton und seine Kollegen seit jeher drückt. Aber irgendwie scheint sich die Idee, dass Sport etwas Verbindendes hat, herumgesprochen zu haben. Mit dem Jugendtreff der MJA als Schaltzentrale, wollen die Gruppen ein selbst organisiertes Fußballturnier abhalten. Zehn Mannschaften treffen bis Oktober unter anderem im Ratzelstadion aufeinander. "Das finde ich gut", meint Sebastian, der mit einem eigenen Team antreten wird. Gegen Gruppen, die sich normalerweise aus dem Weg gehen.

Marcel Schwarzenberger
Fotos: Kempner
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