Projekt "Kübel"
Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V.

Presse 2005

verdi Mitgliederzeitung (Ende 2005)

Täglicher Spagat zwischen Anspruch und grauer Realität

Leipzig-Grünau – eine Plattenbausiedlung, in der zu DDR-Zeiten 80.000 Menschen lebten. Heute sind es nur noch halb so viele. Wer es sich leisten konnte, zog in schönere Wohngegenden. Übrig blieben die, die auf der sozialen Leiter ziemlich weit unten stehen: Alte, Arbeitslose, Kinderreiche, Sozialfälle. Jugendliche, die Probleme in der Schule haben oder bei der Jagd nach einem Ausbildungsplatz leer ausgingen, haben es in einem solchen Milieu besonders schwer. Die Mobile Jugendarbeit e.V. setzt gegen die wachsenden Konflikte zwischen Alten und Jungen im Viertel, gegen Perspektivlosigkeit, Lethargie, Drogenmissbrauch und Kriminalität ihre Angebote: Streetwork, Einzelfallhilfen, Betätigungsmöglichkeiten. Eine Sisyphus-Arbeit für die Sozialpädagogen.

Dienstag, 13.30 Uhr: Teamsitzung bei der Mobilen Jugendarbeit e.V. (MJA) im „Kübel“, einem schäbigen Flachbau in der Plattenbausiedlung Leipzig-Grünau. Fünf der insgesamt neun Beschäftigten sitzen um den großen Tisch herum. Einmal wöchentlich treffen sich die Sozialpädagogen, um über die Ereignisse der letzten Tage zu reden und die Aufgaben für die kommenden abzustimmen. Projektleiterin Kathrin Zschuckelt, genannt Katt`l, berichtet zuerst vom Treffen der Leipziger Arbeitsgemeinschaft Freier Träger (AGFT). „Wie so oft ging es wieder um die Finanzen“, sagt die 38jährige. Der Haushalt der Stadt muss weiter konsolidiert werden, der Jugendetat soll für 2006 um rund sieben Prozent abgesenkt werden. „Es gibt die Überlegung, im November eine Aktion dagegen.“ Rita, Jan, Scarlett und Ron nicken zustimmend. „Wir sollten über die konkrete Vorbereitung nächste Woche sprechen“, schlägt Rita vor. Die 39jährige ist die „Spezialistin“ fürs Kreative im Team. „Wichtig ist, dass die Aktion Aufsehen erregt und von den Entscheidern bei der Stadt ernst genommen wird“, betont sie. Fest steht, dass sich die MJA-ler gemeinsam mit anderen Grünauer Jugendeinrichtungen für ihre Interessen stark machen müssen, wenn sie Erfolg haben wollen.

Im November steht eine einwöchige Teamklausur in Berlin auf dem Plan. „Das ist von Zeit zu Zeit nötig, damit sich die Kollegen abseits von der Alltagsarbeit verständigen und neue Ziele definieren können“, erklärt mir Katt`l. Dann geht’s um die Ereignisse der Woche. Jan, bei MJA nebenbei auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, berichtet vom letzten Stand des Kalenderprojekts. Der selbst entworfene Posterkalender ist für Spender und Partner gedacht und gleichzeitig ein Hinweis sein auf den Film, den Studenten von der Leipziger Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur (HTWK) kürzlich über das MJA-Team gedreht haben. Der 30minütige Streifen berichtet augenzwinkernd über die Arbeit der Sozialarbeiter im Plattenbauviertel. „Darin wird unser täglicher Spagat zwischen unserem Anspruch und dem ganz normalen Wahnsinn auf eine tolle Art vermittelt“, sagt Rita. „Aber ob das Außenstehende ebenso sehen oder verstehen können, wissen wir nicht wirklich.“ In der Teamsitzung geht es dann noch um eine Möbelspende und deren Verwendung, um einen Gerichtstermin einer Klientin, um Streitigkeiten beim selbstverwalteten Jugendtreff „Imbiss“, um die Streetwork-Termine der Woche, klärungsbedürftige Einzelfälle und und und...

Schlagartig ist die ruhige Arbeitsatmosphäre beendet, als eine Horde Jungs in den „Kübel“ stürmt: „Dürfen wir Billard spielen?“, fragt ein ca. 8jähriger Steppke noch im Rennen; ein anderer hat das Queue schon in der Hand. Jan bemüht sich um etwas Ordnung. Die ca. 20köpfige Jungsklique kommt seit ein paar Wochen jeden Dienstag zum offenen Treff im „Kübel“. Der Jüngste ist gerade einmal fünf Jahre alt, der Älteste knapp 14. Eigentlich sind Kinder dieses Alters gar nicht die klassische Zielgruppe der MJA, doch der Bedarf ist einfach da. „Das ist die nächste Generation – wir müssen uns da kümmern und den Jungs etwas anbieten“, sagt Jan und macht sich daran, noch schnell einen Kuchen für ein Geburtstagskind zusammenzurühren. Scarlett und Rita machen sich auf den Weg; Kinderstreetwork steht heute auf ihrem Plan.

Jeden Freitagabend macht sich ein Zweierteam der MJA mit dem „Tee-Mobil“ auf den Weg zu den Treffpunkten von Jugendlichen im Viertel. Heute sind Ron und Jan an der Reihe. Im Bus haben sie in der kalten Jahreszeit immer einen großen Pott Tee. „Das ist klassische Streetwork“, erklärt Ron. „Wir bauen Kontakte zu den Kids auf, suchen das Gespräch, kommen ihnen quasi entgegen. Diese Vertrauensbasis ist unverzichtbar, wenn wir etwas verändern wollen.“ Zuerst geht’s zu einem Spielplatz in der Nähe eines Einkaufszentrums. Das kühle Nieselwetter verlockt eigentlich nicht zum Aufenthalt im Freien. Dennoch sitzen rund 20 Jugendliche auf einem Steg, der überdacht ist. Die meisten kennen die Streetworker und begrüßen sie wie alte Kumpels. Es wird gequatscht, gelacht, diskutiert, Jan schenkt heißen Tee aus. Fast zwei Stunden macht das „Tee-Mobil“ Station. Dann müssen Ron und Jan weiter, sie haben noch vier Stationen vor sich. „Vor Mitternacht sind wir selten zurück“, sagt Ron.

Katt`l sitzt an diesem Freitagabend noch lange im Büro. Sie versucht sich an Planungen für das Jahr 2006. „Unser Prinzip ist Langfristigkeit. Aber erst im Dezember wird feststehen, welchen Etat wir im kommenden Jahr haben werden“, beschreibt sie den Spagat auch auf finanzieller Ebene. Die 38jährige hat ein Zusatzstudium Sozialmanagement absolviert, „doch alles, was in anderen Bereichen möglich ist, funktioniert hier nicht.“ Die MJA bewegt sich in einem Sozialraum ohne Spender. „Wir haben ja nichts Attraktives vorzuzeigen, womit sich Spender schmücken könnten“, erklärt sie das Grundproblem. Als im letzten Jahr eine Haushaltssperre bei der Stadt verhängt wurde, konnte Katt`l keine Gehälter auszahlen. Die Kollegen verzichteten und retteten so den Verein. „Ein Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis existiert bei uns nicht. Wir sitzen alle in einem Boot.“

Gundula Lasch

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