Projekt "Kübel"
Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V.

Presse 2005

Kreuzer DAS LEIPZIGER STADTMAGAZIN, Dezember 2005

Grünau, wie gehts?

Grünau wird nächstes Jahr 30. Besuch in einer Reißbrettstadt, die mit der Wirklichkeit kämpft

(...Auszug...)
Von 1997 bis 2000 leistete sich das Bonner Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung im Vorfeld einer Weltkonferenz zur Zukunft der Städte ein "Planspiel Grünau". Und als die "politisch motivierte Jugendgewalt" Ende der 90er Jahre zunahm, sprich die Wurzener rechte Szene den Jugendfreizeittreff Kirschberghaus zu ihrem Büro machte, zog der Stadtrat 1999 mit einem "Maßnahmekatalog" die Notbremse.
Das Kirsch ist heute befriedet. "Es hat mit ganz Kleinen neu angefangen", sagt Rita Schmäche: "Aber dieser Ruf - der bleibt natürlich kleben." Rita arbeitet seit 12 Jahren für den Verein "Mobile Jugendarbeit" als Streetworkerin in Leipzig-Grünau. Seit dem historischen Stadtratsbeschluss hat sie endlich Kollegen da, wo es sehr nötig war, in WK 7 und 8. Die Jugendkultur ist bunter geworden. Ob sich Punks und Hip Hopper auch ohne die Streetworker in der ehemals rechten Hochburg etabliert hätten, weiß niemand zu sagen.

Das "Team Nord" sitzt nicht weit von der unglücklichen Laubengarage in einer Viereinhalb-Erdgeschosswohnung an der Selliner Straße. Draußen geht gerade die Sonne unter. Rita und ihr Kollege Robert haben Dienst an diesem Freitagabend. Vor dem alten Imbiss am Kulkwitzer See sitzen schon ein paar Teenager in der Dunkelheit, trinken Bier, rauchen und warten. Der Typ mit dem Schlüssel ist noch nicht da.
Seit einem Jahr ist der leerstehende Flachbau ein selbst verwalteter Jugendtreff. Den haben die 20 Jugendlichen saniert, einen Ofen gebaut und Hecken gepflanzt. Rita und Robert beraten mit "ihren Kids" die Kohlelieferung, die in der nächsten Woche kommen soll. Ritas Unterlippe ziert ein Ring. Immer mal tippt sie sms. Die beiden wirken wie Kumpels, aber was sie hier machen, ist harte Arbeit. Vom Beziehungsproblem über Elternzoff, Behördengänge, Hilfe beim Bewerbungen schreiben bis hin zu massiven Schulden kommt alles vor. Sie wissen, wer gerade wieder eine Ausbildung abgeborchen hat und wen die Freundin verließ. "Und wie war die Party letzten Samstag?", erkundigt sich Robert bei der Runde: "Soll ja wieder hoch hergegangen sein...?"
"Es gibt keine Zielgruppen", sagt Rita: "Unser Schwerpunkt ist der ganze Stadtteil". Als der Streit darum geht, ob an diesem Abend wohl der Mond aufgehen wird, fahren die Streetworker weiter zum Freizeittreff Arena im WK 7. Zum Abschied immer noch schnell die Frage: "Und was habt ihr noch so vor heute?" Sie wollen ungefähr wissen, wo die Schäfchen sind.

Sieht eigentlich gut aus für die Grünauer Jugend, oder nicht? Irgendwann in den Stunden bis Mitternacht sagt Rita: "Wir haben hier inzwischen alles zwischen `Ausländer raus`und `Nazis auf dien Fresse`." Die Sozialarbeiter kämpfen jetzt nicht meht gegen Extremismus, sondern eine "ungeheure Lethargie", wie Rita sagt. Dann dreht sie sich im Kleinbus um und will wissen, was sie denn bitte schön einem 16-Jährigen auch sagen solle, der schon 50 Bewerbungen geschrieben hat: "Schreib halt noch mal 50?"

Grünau 2005 ist weder grau noch braun. Es hat ganz neue Probleme. Mit Verspätung geht der Mond dann doch noch auf.

Katja Nündel

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