Die Saubandenfreizeit - Ein Rückblick
"Mein Erlebnissbericht"
von Angela Reich
Nach langer und intensiver Vorbereitung des "Saubandenspiels" sowie der damit verbundenen
Freizeitfahrt, ging es am 17.10.01 um genau 11.00 Uhr nun endlich los. Mit 20 Jugendlichen
und 7 Erwachsenen waren wir ein hübscher bunter Haufen, welcher sich schnell zusammen
fand. Nach dreistündiger Fahrt erreichten wir unser Ziel, die Herberge in Strausberg. Die
fantastische Umgebung, sowie die Herberge selbst, waren für unser Vorhaben ideal. Da die
Kids davon, was in diesen Tagen ablaufen sollte, nur eine wage Vorstellung hatten, waren alle
noch unbeschwert und frohen Mutes. Nur die "Großen" wirkten sehr angespannt.
Am 18.10.01 stand das Saubandenspiel auf dem Programm. Wir Erwachsenen verkleideten
uns und schlüpften somit in die düstere und strenge Rolle der tonangebenden Dik. Für unsere
Schar Jugendlicher war dies erst einmal noch ganz lustig, aber sie erkannten ganz schnell,
dass es mehr als Spaß sein sollte. Denn ab jetzt waren finstere Blicke und barscher Befehlston an der Tagesordnung.
Das Umschalten von der Alltagssituation in die vorgegebene Spielsituation ging wahnsinnig
schnell. Es war für mich und die anderen Kollegen erschreckend zu sehen, nach wie kurzer
Zeit sich die Jugendlichen bereits als widerspruchslose Untertanen bewegten. Sie machten
alles, was wir wollten - selbst die wirklich sinnlosesten Dinge, die sie im normalen Leben nie
machen würden. Kaum einer muckte auf oder versuchte, sich zur Wehr zu setzen. Irgendwann
erreichten sie ihre Grenzen, psychisch wie physisch. Dann endlich begannen sich die ersten
für die Möglichkeit des Widerstandes zu interessieren. Und nach drei Stunden Spielzeit hatte
es der Widerstand geschafft, eine imaginäre Bombe in den "Führerbunker" zu schmuggeln
und somit das Spiel zu beenden.
Wir waren alle ziemlich fertig und auch gleichzeitig froh, dass alles so gut lief. Nach einer
kleinen Pause setzten wir uns zusammen und werteten das Spiel gemeinsam aus. Natürlich
fanden uns die Jugendlichen erst mal gar nicht mehr nett. Es kamen so Worte wie: "Ihr wart
so streng und böse, obwohl ihr sonst nicht so seid." Aber sie sind auch vor sich selbst
erschrocken und schockiert gewesen, dass sie alles so hin genommen hatten und alles
mitmachten, ohne darüber nachzudenken. Die Gedanken kreisten um die Zeit des Faschismus.
Wie schnell doch Menschen alles mitmachen und es so verdammt schwer wird, Widerstand
zu leisten.
Zur Vertiefung dieser Erfahrungen war für den nächsten Tag, dem 19.10.01, für einen Teil
der Gruppe ein Besuch im Berliner Antikriegsmuseum und für den anderen Teil (zu dem auch ich
gehörte) eine Fahrt in das Konzentrationslager von Sachsenhausen angesetzt. Durch eine
Führung mit fachmännischer Erläuterung dieses Lagers wurde es den Jugendlichen sehr
schnell bewusst, was zu dieser Zeit abgelaufen sein musste. Man fand sich durch das Spiel
vom Vortag wieder und verglich Situationen, die die inhaftierten Menschen durchlebt haben
müssen. Die Kids sahen sich selbst, weil sie die Ausweglosigkeit im Spiel mitgemacht hatten.
Alle begriffen viel eindrucksvoller, dass so etwas nie wieder passieren darf. Nach dem
KZ-Besuch waren auch alle sehr still und nachdenklich. Die Kids wollten noch viel mehr wissen
und fanden diese Auseinandersetzung mit der Geschichte und Vergangenheit viel
interessanter und aufschlussreicher als den üblichen Unterricht in der Schule. Manche
Aussagen tendierten dahin, dass die hier erlebten Inhalte im Schulalltag so gar nicht rüber
kommt. Für mich ein erschreckender Gedanke.
Um uns allen die Möglichkeit zu geben, nach dieser harten Geschichtslektion der Seele etwas
Luft zu verschaffen, besuchten wir anschließend die Berliner Innenstadt zum erholsamen
Bummel.
Am letzten Tag, dem 20.10.01, folgte schließlich das dritte Segment unserer
antifaschistischen Bildungsreise. Im Berliner Stadtteil Wedding besuchten wir zwei
Bunkersysteme. Das erste war ein mehr oder weniger moderner Zivilschutzbunker aus der
Zeit des kalten Krieges. Das andere ein original erhaltener Luftschutzbunker aus dem Zweiten
Weltkrieg. Die Führung war unglaublich interessant, auch für uns Erwachsene. Vieles der
vorangegangenen Tage kam dabei wieder hoch und der Krieg kehrte ins Bewusstsein zurück.
Auch die Zivilbevölkerung musste unheimlich leiden. Immer wieder suchten sie tief unter der
Erde Schutz, immer in der Ungewissheit, ob ihr Haus nach dem Angriff noch steht oder ob
noch mehr Verwandte und Freunde ihr Leben verloren hatten.
Im Nachhinein kann ich sagen, es war für die Kids zwar eine reine Bildungsfahrt, aber es hat
ihnen mehr als gefallen. Sie selbst schätzen ein, viel mitgenommen zu haben, sowohl für sich
persönlich, als auch für die anderen in der Schule oder Clique. Außerdem wurden neue
Freundschaften geschlossen und das finde ich toll. Persönlich denke ich, dass man diese Art
zu lernen noch mehr unterstützen sollte, um das Geschehene nicht zu vergessen. Ich sehe
auch, dass man dadurch viel eher an die Jugendlichen heran kommt. Selbst gemachte
Erfahrungen, wie z.B. durch das Saubandenspiel, helfen enorm dabei, erworbenes Wissen zu
verankern. Es wäre schön, wenn für solche oder ähnliche Projekte immer genügend Geld zur
Verfügung stehen würde, denn schließlich betrifft es uns alle.
Dieser Bericht ist nur EIN Teil der Auswertung des Projekts.
Sollte der Wunsch nach Details entstehen oder nähere
Informationen gewünscht werden, kontaktiert uns einfach!
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