Projekt "Kübel"
Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V.

History

Da ich sozusagen die Einzige noch verbliebene Mitarbeiterin aus den "alten Zeiten" bin, habe ich mich bereit erklärt, eine kurze geschichtliche Darstellung unseres Projektes zu skizzieren. Das ist gar nicht so einfach, denn wenn ich über die Anfänge nachdenke, habe ich das Gefühl, als läge diese Phase 1992/93 in einem anderen Leben. Aber es ist natürlich auch ganz spannend, sich dieser Zeit zu erinnern und in den alten Unterlagen zu kramen. Trotzdem wird dieser Bericht nur einige Bereiche berühren, die detaillierte Auswertung des Modellprojektes ist in der Dokumentation "Das war`s - war`s das ?" nachzulesen, in der sowohl die Sozialarbeiter als auch die wissenschaftlichen und Praxisberater ihre Sicht darlegen.

Wir haben sicher alle noch die schrecklichen Vorfälle in Rostock und Hoyerswerda im Kopf. Sowohl die Bundesregierung als auch das Land Sachsen reagierten auf diese Entwicklungen mit Sonderprogrammen im Rahmen der Jugendhilfe.
So wurde 1992 im Kabinett des Freistaates eine Konzeption zur Eindämmung und Zurückdrängung des Rechtextremismus sowie der Gewaltbereitschaft im Freistaat Sachsen (Anti-Gewaltprogramm) beschlossen. In diesem Zusammenhang wurde die Arbeitsgemeinschaft Jugend-und Freizeitstätten Sachsen e.V. unter Federführung des SMK mit der Umsetzung eines Modellprojektes "Streetwork" beauftragt. In einer 4-jährigen Laufzeit sollten in sozialen Brennpunkten (insgesamt 7 Projektstandorte) die Grundlage für eine langfristige Arbeit mit sozialen "Randgruppen" und flächendeckende Strukturen für Mobile Jugendarbeit geschaffen werden.

Einer dieser Brennpunkte war die Plattenbausiedlung in Leipzig Grünau. Dort nahmen im April 1992 3 Streetworker ihre Arbeit auf. Dieser Prozeß begann buchstäblich auf einer Parkbank, denn außer einem 3-wöchigen Crashkurs bei Kollegen in Baden-Würtemberg gingen die Streetworker ohne jegliche Voraussetzungen an die Arbeit: keine Ausbildung, kein Büro, keine Kenntnisse über kommunale Jugendhilfestrukturen in Leipzig, keine Jugendlichen. Letzteres änderte sich sehr schnell, denn Grünau wurde zu diesem Zeitpunkt von mehreren Cliquen terrorisiert, bei denen dringender Handlungsbedarf in bezug auf Gewaltintervention bestand. Dank bereits existierender Kontakte zu einer ca. 40 Jugendliche umfassende Gruppe gelang ein schneller Einstieg und und die Kollegen befanden sich binnen kürzester Zeit in einer intensiven Cliquen- und Einzelfallbetreuung.

Die Jugendlichen (75% männlich) ordneten sich selbst der Skinheadbewegung zu, waren ideologisch bis auf wenige Ausnahmen nicht gefestigt, grenzten sich von Parteistrukturen ab, waren jedoch hochgradig gewaltbereit. Zudem hatte diese Clique eine ziemlich klare Struktur und Hierarchie. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Gruppe ausschließlich durch Streetwork betreut, d.h. an und in den spezifischen Treffpunkten, Kneipen und Discotheken. Allerdings wurde uns relativ schnell klar, daß sich die Arbeit ohne eigene Cliquenräume sehr schwierig gestalten würde, denn die Jugendlichen hatte in vielen Einrichtungen Hausverbot, abgesehen davon, daß Grünau in den Jahren nach der Wende eine nur geringfügig entwickelte soziale Infrastruktur aufwies, und eine der Grundvoraussetzungen für eine effektive aufsuchende Arbeit nicht gegeben war. Also gingen wir auf die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten und fanden nach einiger Zeit eine Baracke in einem Park, welche für unsere Zwecke ideal war: abseits gelegen von Wohnhäusern und trotzdem innerhalb des Stadtteillebens.

An dieser Stelle muß die Stadt Leipzig, besonders das Jugendamt für seine Kooperation gewürdigt werden, die auch im Um- und Ausbau dieses Cliquentreffs Bestätigung fand. Die Jugendlichen investierten sehr viel Zeit und Kraft in die Innengstaltung und im April 1993 wurde die Eröffnung mit einem Oi-Konzert gefeiert. Parallel dazu mußten die Sozialarbeiter das Gemeinwesen erschließen und gemeinsam mit anderen Kollegen Strukturen entwickeln. Es entstanden stadtteilorientierte Vernetzungen und auch auf Stadtebene wurden Arbeitskreise u.ä. installiert.

Unser Arbeitsaufwand war enorm, 150 Überstunden durchschnittlich im Monat waren Realität. Andreas Klose (Dipl.Soziologe aus Berlin; unser Praxisberater seit 1994) schrieb in seiner Auswertung zu den Arbeitsaufgaben vieler ostdeutscher Streetworker:"...Statt ergänzend zu wirken und auf andere spezialisierte Dienste in der Arbeit zurückgreifen zu können, leiste man strukturelle Aufbauhilfe im Stadtteil und wurde in die Rolle des "omnipotenten Alleskönners" hineingeworfen. Plötzlich verlangte man von zumeist unvorbereiteten beruflichen Quereinsteigern in das pädagogische Feld: nicht nur Jugendliche anzusprechen sondern sie auch sozialpädagogisch zu begleiten; Räume nicht nur zu schaffen, sondern auch pädagogische Nutzungsmodelle zu entwerfen; Freizeitaktivitäten zu planen und den jugendpädagogischen Nutzen herauszustellen; nicht nur Probleme von Jugendlichen sich anzuhören, sondern individuelle und gruppenspezifische Hilfepläne zu entwickeln...".

Ich habe diese Zeit wie im Trance in Erinnerung, wir waren ständig im Einsatz, haben sehr viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus getroffen. Vieles würde ich heute anders machen, andererseits hat uns diese Unbedarftheit über eine Zeit gebracht, in der das Horrorscenarium von "Uhrwerk Orange" eine beängstigende Realtitätsnähe bekam und die Gewaltintervention für diesen Stadtteil oberste Priorität hatte. Nebenbei haben wir einem großen Teil dieser Jugendlichen zumindest dabei geholfen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen und andere Lösungswege zum Abbau von Frust und Aggressionen zu finden.

Irgendwann in dieser Zeit stellte dann irgendjemand fest, daß sich alle Projekte unbewußt und ungeplant zum Arbeitsansatz der Mobilen Jugendarbeit entwickelt hatten, wenn man in der Differenzierung zum Streetwork die Bewirtschaftung eigener Cliquenräume und die große Bedeutung der Stadtteilarbeit zu grunde legt. Also wurde das Modellprojekt umbenannt und wir beschäftigten uns zunehmend konzeptionell mit diesem Handlungsansatz. Gegen Ende des Jahres 1993 löste sich die bis dahin betreute Gruppe zusehends auf, beschleunigt durch die Tatsache, daß der Cliquentreff komplett ausgeräubert wurde und für eine gewisse Zeit bis zur Neuausstattung schließen mußte.

An dieser Stelle möchte ich ein Fazit ziehen bezüglich der auch jetzt noch geführten Diskussion "Glatzenpflege auf Staatskosten". Auch aus heutiger Sicht halte ich unsere Arbeit in dieser Zeit für ausgesprochen sinnvoll. Ja, wir haben Skinheads Räume geschaffen, ja, wir haben sie betreut, ihnen ein Band- und Sportprojekt ermöglicht, wir haben mit ihnen Freizeiten organisiert und sie im Einzelfall unterstützt. Aber ich wage mir nicht auszumalen was passiert wäre, wenn wir dies alles nicht getan hätten. Und ich weiß, daß 90% dieser Kids jetzt ein ganz normales Leben in den Grenzen dieser Gesellschaft führen. Für mich waren die ersten Jahre nach der Wende eine Ausnahmesituation in Ostdeutschland, in der eine sozialpädagogische Zielstellung die Gewaltdeeskaltion sein mußte.

Bei Wiedereröffnung des Kübel INN im Februar 1994 betreuten wir eine wiederum sehr große Gruppe Jugendlicher, die sich jedoch bald in 2 verschiedene Cliquen spaltete, eine sogenannte Stinogruppe und die andere mit rechtsextrem-orientierten Tendenzen und einem gewissen Gewaltpotential. In dieser Zeit diskutierten wir verstärkt das Problem der Zielgruppen. Das Antigewaltprogramm implizierte sehr deutlich eine Ausrichtung auf Gruppen rechtsextrem - orientierter, gewaltbereiter und deliquenter Jugendlicher. In der Praxis wurden wir jedoch häufig mit dem Argument konfrontiert "muß ich denn erst Ausländern um hauen, damit sich jemand um mich kümmert". Das Problem der fehlenden konventionellen Angebote verschärfte das Dilemma, und wir ließen uns wiederholt auf die Gratwanderung ein, verschiedene Cliquen unter einem Dach zu betreuen und verstärkt in die Richtung offener Treff zu arbeiten. Dies ging natürlich immer auf Kosten des Arbeitsbereiches Streetwork. und stürzte uns regelmäßig in konzeptionelle Krisen.

In ein wirklich tiefes Loch fielen wir jedoch, als im Juni 1994 unser Cliquentreff Opfer eines Brandanschlages wurde und bis auf die Grundmauern abbrannte. Dieser Schock - für Kollegen und Jugendliche - war unbeschreiblich. Nichts desto trotz erinnere ich mich sehr gern an die Zeit danach, in der wir gemeinsam mit den Kids den Kampf um ein neues Domizil aufnahmen. Es war eine Zeit voller gemeinsamer Aktivitäten, wir sammelten Unterschriften und Geld, verhandelten mit den verschiedenen Behörden, Ämter und Sponsoren. Fast täglich erreichten uns neue Informationen und Nachrichten. Und auch hier erhielten wir viel Unterstützung durch die Kommune bis hin zum OBM, die uns übergangsweise einen Partybus zur Verfügung stellten und später beim Ausbau neuer Räume halfen. Dies legte den Grundstein für eine sehr enge Bindung an die Cliquen, die wir letztlich über eine sehr (zu?) lange Zeit betreuten.

Im Februar 1995 wurde der neue "Kübel INN" in Betrieb genommen, auch diesmal bezogen wir die Jugendlichen sehr stark in den Ausbau und die Gestaltung ein, mit dem Ergebnis, daß sie Besitzansprüche formulierten und neuen Gruppen den Zutritt verwehrten.

Von der Organisationstruktur gilt es hier einen Schnitt zu vollziehen, denn Ende 1995 lief das Landesprogramm aus. Frühzeitig darauf vorbereitet, hatten wir schon 1993 den Verein "Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V." gegründet und wollten das Projekt somit als kommunaler freier Träger weiterführen. Das uns dies gelungen ist, ist auf eine gute Zusammenarbeit zwischen der AGJF, der Kommune , dem SMK und uns zurückzuführen. Natürlich war das nicht so reibungslos, denn auf uns kamen nunmehr Aufgaben zu, mit denen wir bisher kaum Berührung hatten: Verwaltung, Finanzen, Mittelaquirierung, Personalführung,...
Andererseits hatten wir durch die Zeit als Modellprojekt viele Vorteile, z.B. die wissenschaftliche Begleitung und Praxisberatung, umfangreiche Fortbildung, viele Kontakte innerhalb von Sachsen, wir hatten die Chance unseren Platz in der Kommune zu erobern, ohne finanzielle Forderungen aufmachen zu müssen. Wir hatten Raum zu experimentieren, Projekte zu initiieren und unser Profil zu finden. Dies alles kam uns auf dem Weg in die Eigenständigkeit zu gute.

In den folgenden Jahren konzentrierten wir uns auf die Cliquenbetreuung im Treff, auf verschiedene Projekte (Theater, Medienpädagogik, Erlebnispädagogik) und versuchten die Lücken in der offenen Angebotsstruktur und im präventiven Bereich zu schließen.Wir versuchten in und mit Schulen zu arbeiten, verschiedene Zielgruppen parallel einzubeziehen, scheiterten dabei jedoch wiederholt an der Dominanz der rechten Cliquen. Gemeinsam mit unseren Aufgaben im Gemeinwesen hatten wir viel zu tun, wenn auch nicht vergleichbar mit den Anfängen des Projektes. Trotzdem waren wir nie wirklich zufrieden mit unserer Arbeit. Es folgten endlose Diskussionen zur Auslegung unserer Arbeitsansatzes. Wie weit kann Bedarfsorientierung und Flexibilität gehen, ohne sich aus dem Arbeitsfeld Mobile Jugendarbeit hinaus zu bewegen?

1997 übernahmen wir auf Drängen des Jugendamtes einen 2. Cliquentreff, ebenfalls in Grünau, welcher ohne unsere Engagement geschlossen worden wäre. Ein weiteres ausschlaggebendes Argument für die Übernahme war die Möglichkeit, daß die 2 bis dahin über AFG §249h beschäftigten Kollegen in reguläre Personalstellen übernommen werden konnten und der Mitarbeiterstamm damit auf 5 Sozialpädagogen erhöht werden konnte.

Letztlich beschlossen wir auf einer Teamklausur Ende 1997 die Umkehr "back to the roots",d.h. verstärkt im Bereich Streetwork zu agieren. Mittlerweile hatte sich das Bild auf der Straße wieder stark verändert. Nachdem ab 1994 eine augenscheinliche "Befriedung" für relative Ruhe sorgte, war nun ein heftiger Rechtsruck sowie verstärkte Gewaltbereitschaft besonders unter sehr jungen Kids zu beobachten.
Aber erst ein einschneidender Personalwechsel machte eine konsequente Umsetzung dieser konzeptionellen Neuorientierung möglich, was wiederum beweist, daß konstante Teams für einen bestimmten Zeitabschnitt sehr wichtig sind, aber irgendwann auch zu Hemmnissen werden können.

Fortsetzung folgt...

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