Mobile Jugendarbeit: Immer am Puls der Zeit.

#steileThesen: These 15 - Februar 2020

Durch basisnahe Arbeit sind Streetworker*innen Teil gesellschaftlicher Phänomene und haben deshalb die Expertise, politische Diskussionen anzuregen – eine Ressource, die genutzt werden muss.

Bunte Graffiti, Basketballplätze zum Abhängen, die neuste deutsche Rap-Musik aus Bluetooth-Boxen, jugendliches Lachen und Plattenbau. Seit knapp einem Jahr arbeite ich nun als Streetworker in der Mobilen Jugendarbeit in Grünau.

Wir als Streetworker*innen gehen auf die Straßen, quatschen mit Jugendlichen, suchen in Folge dieser Gespräche neue Orte und Jugendliche auf und können deren Wünsche für die Gestaltung ihres Stadtteils gebündelt an lokalpolitische Strukturen weitergeben.

Trotz der engagierten bestehenden Jugendhäuser und offenen Jugendarbeit gibt es definitiv einen Mangel an Räumen für Jugendliche. In Lausen-Grünau etwa, einem Gebiet, in dem etwas mehr als 1.700 Jugendliche zwischen 10-27 Jahre leben, gibt es keinen einzigen Jugendclub. Daher haben viele dieser Jugendlichen entweder keinen Zugang zu einem Treffpunkt, der auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist oder aber nehmen den Weg nach Grünau-Mitte und -Nord auf sich.

Soll nun also im Rahmen der Integrierten Jugendhilfeplanung (IJHP) ein neues Jugendangebot in Lausen-Grünau entstehen, so können wir die Wünsche und Bedarfe der Jugendlichen erfragen und als wichtigen Bestandteil in die Planung eines solchen Angebots einfließen lassen. In Folge dessen können wir auch die Stimme derjenigen Jugendlichen vertreten, die ansonsten aufgrund von mangelndem ökonomischen, kulturellen oder sozialen Kapital Ausgrenzung erfahren.

Würden die Wünsche und Bedarfe von Jugendlichen frühzeitiger in die Stadtteilplanung und Bildungslandschaft einbezogen, könnte viel Mühe und Geld gespart werden. Im Hinblick auf Bildung sind in diesem Zuge auch die demokratischen Prozesse nicht zu vergessen, die mittels einer Jugendbeteiligung so richtig greifbar werden und auch nachhaltig politische Bildungsprozesse anregen.

Doch mehr als das gebündelte Weiterleiten von Bedürfnissen und Wünschen können auch wir nicht leisten. Es braucht also offene Ohren innerhalb der lokalpolitischen Strukturen. Denn in unserer Arbeit haben wir mehrfach erlebt, dass Mobile Jugendarbeit, welche sinnbildlich als Seismograph für gesellschaftliche Veränderungen fungiert, nicht als Ressource genutzt wurde.

So haben wir beispielsweise sehr früh von der Problematik „Emotionale Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen“ (1) mitbekommen und zusammen mit der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK) zu diesem Thema geforscht und Informationen geliefert. Anschließend haben wir einen Fachtag organisiert, zu dem wir Personen aus Verwaltung und Politik eingeladen haben. Zwar war dieser Tag gut besucht, doch leider nicht von Politiker*innen, welche als Multiplikator*innen des Themas dienen würden.

Hier wurde die Chance verpasst, zeitig frühkindliche Bildung zu fördern und infolgedessen Eltern bessere Unterstützung leisten zu können. Statt damals dieser erkannten Entwicklung präventiv entgegen zu wirken, liegt der Fokus nun gezwungenermaßen oftmals auf der Intervention aktueller Problemlagen.

Auf allen Ebenen der politischen Strukturen wäre das Bewusstsein dafür wünschenswert, den bereitgestellten Informationen über Entwicklungen des Stadtteil und den Bedürfnissen der Jugendlichen mehr Beachtung zu schenken, sodass gesellschaftliche Teilhabe von Jugendlichen keine hohle Phrase ist.

Wie schön wäre es doch, wenn eine Gesellschaft sich an ihrer Jugend erfreuen würde und ihnen und ihren Themen und Bedürfnissen angemessene Räume und Mittel zur Verfügung stellen würde. Die Auseinandersetzung der Jugendlichen mit unseren jetzigen gesellschaftlichen Normen müssen als das erkannt werden, was sie sind: Unsere Zukunft!


(1) Defizite in frühkindlicher Bildung / visio-motorische Defizite / ausgeprägtes und auffälliges Verhalten, welches vor allem durch deren Wertesysteme erkennbar werden / geringe Frustrationstoleranz usw.

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