Reformation sonst Revolution!

#steileThese: These 8 - Juli 2019

Ein Bildungssystem, das in sich stagniert, ausgrenzt und die bestehenden Verhältnisse verschärft, steht einer gelingenden Gesellschaft entgegen. Bildung 2.0 ist flexibel, partizipativ, individuell und aktivierend.

In unserer Arbeit treffen wir auf junge Menschen, die regelmäßig über die Situation an ihrer Schule berichten. In Gesprächen wird deutlich, dass hoher Leistungsdruck, schlechte Rahmenbedingungen und Ausgrenzungserfahrungen das Thema Schulbildung negativ belegen.

Einige Leser*innen meinen nun bereits zu wissen, dass wir im weiteren Verlauf des Textes die jugendtypische Aussage „Schule ist doof“ unterstützen und für ein jugendliches Klischee sensibilisieren wollen. Jedoch ist es weitaus mehr als das! Haben Sie sich schon einmal damit auseinandergesetzt, welche Rahmenbedingungen, Zielstellungen und Werte das Bildungssystem für junge Menschen in unserem Arbeitsfeld bereit hält?

Verschiedene wissenschaftliche Studien (u.a. Bildungsstudie der OECD) haben festgestellt, dass Bildung und das Erlangen eines Bildungsgrads noch immer abhängig von der jeweiligen sozialen Herkunft sind. Darüber hinaus wird durch das in Deutschland angewendete „Viergliedrige Schulsystem“ (Grund-, Haupt- und Sonderschule sowie Gymnasium) bereits früh selektiert und durch Bildungsempfehlungen unfreiwillig der Grundstein für den weiteren Lebenslauf des Heranwachsenden gelegt.

Im Sinne der Segregation, dem Separieren und Konzentrieren nach Fähigkeiten und Eigenschaften, werden Schüler dann an entsprechenden Bildungseinrichtungen ausgebildet. Hier findet nicht nur Stigmatisierung, sondern auch die Aufteilung in soziale Klassen statt, welche dem gesellschaftlichen Miteinander entgegenwirken und ein Durchmischen von vornherein ausschließt.

In politischen Diskursen wird zudem von Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit geredet. Fälschlicherweise werden diese beiden Begriffe oft gleichgesetzt und somit irreführend verwendet. Chancengleichheit besagt, dass alle jungen Menschen gleiche Rahmenbedingungen vorfinden und angehende Schüler*innen das Gymnasium besuchen können, um einen dementsprechend „hochwertigen Abschluss“ zu erlangen.

Spätestens jetzt sollte sich ein jeder die Frage stellen: Wie gut stehen die Chancen für einen junger Menschen, der über geringe Ressourcen verfügt, aus einer eher „bildungsferneren Familie“ stammt, physische Einschränkungen und zudem noch ein Migrationshintergrund aufweist? Anhand dieses Beispiels wird deutlich, dass das Schulsystem eine Vielzahl von „Bildungsschranken“ (zum Beispiel Diskriminierung auf Grund von Geschlecht oder Hautfarbe, geringe finanzielle Mittel oder familiärer Background) aufweist, welche die Chancengleichheit mehr als in Frage stellt.

In Zeiten, in der ein Teil der Gesellschaft stigmatisiert, diskriminiert und mit rassistischen Äußerungen Stimmung macht, sollte Schule dem entgegenwirken und ein Ort der Demokratie, des Miteinander sowie der Vielfalt sein. Dabei müssen die Grundwerte einer funktionierenden Gesellschaft mittels Integration und Inklusion vorgelebt werden.

Ein positives Beispiel dafür ist der Bau des Bildungscampus Grünau, welcher eine Zusammenlegung von Gymnasium, Ober- und Förderschule vorsieht und einen ersten Schritt von Segregation hin zu Inklusion darstellt. Trotz unterschiedlicher Voraussetzungen und Fähigkeiten des Einzelnen wird hier das „Gemeinsam über Unterschiede hinaus“ vorgelebt, welches ein Grundpfeiler einer funktionierenden und demokratischen Gesellschaft ist. Mit- und voneinander lernen sollte dabei im Vordergrund stehen. Jedoch muss auch hier mehr getan werden, als Schulformen zusammenzulegen und Diversität zu fördern.

Es braucht gesellschaftliche Wertschätzung für Schule, Bildung und den Beruf der Lehrer*in, gerechte Finanzierung, fachübergreifende Spezialisten, die Teil des Kollegiums sind, um auf Themen der Lebenswelt reagieren zu können, Lehrer*Innen, die mit Hilfe innovativer didaktischer Methoden Wissen vermitteln, gleiche Bildungszugänge für alle, die über lernrelevante Differenzlinien hinaus gehen sowie ein Kultusministerium, das die Themen, Bedarfe und Ideen der Schulleitungen aufgreift und deren Umsetzung ermöglicht.

Solange dies nicht der Fall ist, finden wir es gerechtfertigt, dass junge Menschen Schule „doof“ finden und schon bald im Sinne der „Fridays for Future“ für bessere und gerechtere Bildung auf die Straße gehen.

 

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